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Hochbegabung und Gründung

Hochbegabte haben meist einen ziemlich eigenen Kopf.

Sich anzupassen, wenn die Dinge um sie herum sub-optimal sind, fällt ihnen schwer. Lähmende Strukturen, Chefs ohne Visionen, tägliches Büro-Einerlei – das füllt Menschen nicht aus, die das Bedürfnis nach Sinn und Inspiration haben.

Hochbegabt – was ist typisch?

Erstmal gilt es mit einem Vorurteil aufzuräumen. Viele meinen, hochbegabt seien nur diejenigen, die eine „Insel-Begabung“ haben, die also wie Mozart oder Einstein durch stetige Genialität auf sich aufmerksam machen; Menschen, die in EINEM Bereich Bedeutsames leisten. Sie selbst kommen sich dagegen viel zu unspektakulär vor: Sie interessieren sich irgendwie für alles und sind in allem mehr oder weniger gut; nichts sticht hervor. Das Etikett „Hochbegabung“ ist ihnen peinlich. „Ich doch nicht, oder?“

In Beratungen kommen nur wenige zu mir, die wissen, dass sie hochbegabt sind. Oft entsteht bei MIR eine Mustererkennung, die mich nach dem Thema Hochbegabung fragen lässt. Es gibt Stichworte und Erzählungen, die typisch sind für Hochbegabte:

* Sie sind intrinsisch motiviert, d.h. sie WOLLEN lernen und sich entwickeln und denken dürfen. Jobs, die ihnen zu viel Routine abverlangen, machen sie auf Dauer meist schlecht. Sie langweilen sich und der Geist schaltet ab, weil er nicht gefordert ist.
* Wenn im Arbeitskontext Anspruch und Wirklichkeit zu sehr auseinander klaffen, fällt es Hochbegabten schwer, das zu akzeptieren. Sie starten als motivierte Mitarbeiter und „enden“ frustriert und demotiviert, weil ihr Umfeld ihren hohen Ansprüchen nicht standhält.
* Haben sie einen Chef, der führen kann, ihnen herausfordernde Aufgaben gibt UND sie wertschätzt für das, was sie tun (letzteres brauchen natürlich alle), blühen sie auf. Chefs, die inkongruent kommunizieren und schlecht führen, lassen sie aussteigen.
* Sie haben eigene Ideen und Projekte; nicht unbedingt das EINE Forschungsprojekt, sondern u.U. auch eine Vielzahl von unterschiedlichen Interessen – aber immer gibt es IRGENDETWAS, das sie gerade beschäftigt ….
* Sie lernen schnell und haben eine schnelle Auffassungsgabe
* Sie suchen SINN in ihren Aufgaben – wenn sie wissen, wofür sie etwas tun, ist alles gut. Dann geben sie alles. Wenn ihnen aber etwas nicht einleuchtet, finden sie es sehr schwer, es dennoch tun zu müssen. Einfach weil „man das so macht“, weil „wir das schon immer so gemacht haben“ oder weil der Chef es so will.
* Oft ist die Hochbegabung mit hoher Sensibilität gepaart – sie kriegen viel mit von ihrer Umgebung mit, fangen Stimmungen und Gefühle von anderen auf und müssen deshalb erst mühsam lernen sich abzugrenzen
* Sie sind sehr perfektionistisch und würdigen wenig, was sie selbst leisten. Gemessen an ihrem eigenen inneren Anspruch sind ihre Ergebnisse ihnen oft nicht spektakulär und gut genug. Während das Umfeld bereits staunt, haben sie noch das Gefühl, dass es längst nicht reicht.

Hochbegabung lässt sich mit einem IQ-Test messen – doch ist das wirklich nötig? Mir ist praktisch noch keiner begegnet, der sich offenkundig fälschlich für hochbegabt gehalten hat. Im Gegenteil: Meine Erfahrung ist, dass eher Schüchternheit und Understatement die Regel ist, wenn ich Menschen auf eine potentielle Hochbegabung anspreche. Dabei kann es sehr hilfreich sein, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, denn Vieles aus der eigenen Biographie wird auf einmal erklärbar. Hochbegabte machen aufgrund ihrer Hochbegabung ganz typische Erfahrungen – und das sind leider nicht nur angenehme. Entgegen dem landläufigen Vorurteil, dass Hochbegabte es wohl einfach im Leben leichter haben, sind sie herausgefordert, innerlich wie äußerlich für gute Bedingungen zu sorgen, damit ihre Begabung blühen und Früchte tragen kann. Und hierfür kann eine Selbständigkeit den idealen Rahmen liefern. Warum?

Selbständigkeit als Weg?

* Wer gründet, hat die Chance, sich einen Job rund um die eigenen Interessen und Begabungen zu bauen. Hier können Begabte ihr vernetztes Denken, ihre vielen Fähigkeiten und Vorlieben unterbringen und sich Arbeitsfelder schaffen, die dem gerecht werden. Sie können Dinge zu einem Arbeitsplatz kombinieren, die ihnen kein Personalchef erlauben würde – und auf dem Markt hat die ungewöhnliche Kombination Qualität – vorausgesetzt, das Marketing stimmt.

* Sie müssen nicht bei ihrer ursprünglichen Wahl stehen bleiben. Wer selbständig ist, DARF nicht nur für Innovation sorgen – er/sie SOLLTE es sogar. Dies kommt dem Drang der Hochbegabten nach Neuem sehr entgegen. Sie wollen ohnehin nicht aufhören zu denken und sich stetig verbessern. Immer die gleichen Seminarunterlagen? Viel zu langweilig – seit dem letzten Durchlauf gibt es ja neue Erkenntnisse unterzubringen.

* Selbständige haben die Chance, sich ihren eigenen Arbeitsplatz zu schaffen und können damit ihrer persönlichen Mischung von Macken und Stärken gerecht werden. Viele Hochbegabte sind auch hochsensibel – ein ständig lautes Großraumbüro wird für sie z.B. zu Dauerstrapaze. Die Selbständigkeit gibt ihnen die Möglichkeit, das eigene Tempo des Gehens zu bestimmen und sich damit Herausforderungen im eigenen Tempo zu stellen. Wer einige Zeit hoch-konzentriert arbeitet, dann aber erstmal eine längere Pause benötigt, hat es im normalen Arbeitsleben schwer. Wer gerne stundenlang über einem spannenden Projekt brütet – im Zweifelsfall auch gerne bis spät in die Nacht, sich aber bei Routine-Tätigkeiten nicht konzentrieren kann, kann sich in der Selbständigkeit austoben. Niemand schreibt vor, wie ein geregelter Arbeitstag auszusehen hat.

* Aufgrund ihres großen Perfektionismus blockieren sich viele Hochbegabte gerne selbst. Manchmal fällt es ihnen ausgesprochen schwer, ihr Projekt in die Welt zu geben. Es reicht ihnen einfach nicht, was sie hervor bringen…. Kommt jemand von außen mit Lob und Aufmunterung, kann es weiter gehen. Unter Druck gesetzt blockieren viele jedoch. Die Selbständigkeit kann den Rahmen liefern, sich Projekten Schrittchen für Schrittchen anzunähern. Frei nach dem Motto: Wenn mir jemand sagt, dass ich über diese Hürde springen SOLL, geht gar nichts mehr. Wenn ich über diese Hürde springen MÖCHTE, werde ich auf Dauer Mittel und Wege finden.

* Viele Hochbegabte sind gerne Bestimmer. An der Selbständigkeit schätzen sie, dass ihnen keiner mehr reinredet. Endlich dürfen sie die Dinge so machen, wie SIE das wollen. Sie können ihre eigenen Ideen verwirklichen; auch zunächst Abstruses ausprobieren. Vorausgesetzt, sie bekommen gleichzeitig den nötigen Zuspruch, den sie als Gegenspieler für ihren Perfektionismus und die damit einhergehende Selbstkritik brauchen, kann auch zunächst Abseitiges blühen.

3 Kommentare

  1. micha sagt

    Vielen Dank für den interessanten Artikel. Gibt es zu diesem Thema auch Forschungsergebnisse?

    • Astrid Hochbahn sagt

      Danke für das Feedback. Ich habe noch keine Literatur gefunden, recherchiere aber gerade selbst. Ich melde mich gerne, wenn ich etwas finde.

      • micha sagt

        Das wäre Spitze! 🙂
        Vielleicht gibt es ja noch weitere (nicht wissenschaftliche) Artikel zu dem Thema (zwei habe ich hier auf ihrer Webseite schon gefunden)?

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