Allgemein, Gründen, Selbständig
Kommentare 1

Geeignet für die Selbständigkeit?

Teil 1: Wer kann unternehmerische Eignung attestieren?

Eine Kundin erzählt von einem Gründungsseminar. Sie bekommt Input, sie engagiert sich – am Ende bekommt sie das Feedback, sie solle ihr Geld lieber weiterhin als Kassiererin verdienen. Sie sei als Unternehmerin ungeeignet. Wohlgemerkt – wir sprechen über eine Akademikerin.

Mir bleibt die Luft weg, wenn ich solche Erzählungen höre. Auf welcher Basis erlaubt sich ein Referent nach kurzen Eindrücken innerhalb eines Seminars ein solches Urteil? Mit welcher Berechtigung maßen sich Berater an, nach kurzer Zeit über die generelle unternehmerische Eignung eines Menschen zu urteilen? Ich staune immer wieder über die Selbstverständlichkeit mit der Menschen glauben, solche Urteile fällen zu können und zu dürfen.

In der Berater-Szene rühmt sich so mancher, dass er schnell einschätzen kann, ob „jemand das Zeug dazu hat“…. Andere brüsten sich unverblümt, dass sie kein Blatt vor den Mund nehmen: „Das sage ich jemandem offen ins Gesicht, wenn ich ihn für ungeeignet halte“

Frage: Welche Bilder von Unternehmertum und Selbständigkeit kursieren da? Was nimmt ein Berater wahr? Mit welchem Selbstverständnis ist er unterwegs, dass er glaubt, sein Recht, gar seine Pflicht sei es, solche Urteile abzugeben?

Bist Du ein Unternehmer-Typ?

Leider krankt die deutsche Gründungsdiskussion an einem veralteten Unternehmer-Bild. „Man hat‘s oder man hat‘s nicht“ ist die Devise. Seit Jahrzehnten spukt die „Unternehmer-Persönlichkeit“ durch die Fach-Diskussion und findet sich in jedem Gründungs-Ratgeber. Es ist ein bestimmter Zweig der psychologischen Forschung, der die Idee hat, dass Menschen im Laufe ihres Lebens eine mehr oder weniger festgefügte Persönlichkeit entwickeln, die mehr oder weniger präzise anhand bestimmter Kategorien beschreibbar sind. Sehr gut erforscht und bekannt geworden ist z.B. das Konzept der Big Five, das Menschen anhand von 5 Persönlichkeitseigenschaften kategorisiert: Verträglichkeit, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Extraversion. Das Konzept der Big Five wurde auch auf die Frage angewandt, ob sich Unternehmer*innen erkennbar unterscheiden. Das Ergebnis: Es lassen sich Unterschiede feststellen zwischen Menschen, die Interesse an einer Gründung haben und solchen, die sagen, für mich käme das nie in Frage. Allerdings konnte die psychologische Forschung bisher keine Faktoren extrahieren, die unternehmerischen Erfolg zuverlässig prognostizieren. Es ist Küchen-Psychologie, die Berater anwenden, wenn sie sich ein Urteil anmaßen – nichts, was wirklich ein zuverlässiges, wissenschaftliches Fundament hat.

Ungereimtes ist spürbar

Und der gesunde Menschenverstand? Geht es uns nicht allen so, dass wir den einen Gründer unmittelbar überzeugend finden und ihm die Gründung zutrauen? Und beim anderen seine Unsicherheit und das Ungereimte/Unfertige spüren? Ohne Zweifel. Menschen mit gesunder Intuition spüren, wenn die Dinge noch nicht zusammen passen. Wenn jemand Ziele verkündet, die zu weit weg sind. Wenn jemand erkennbar noch nicht weiß, wie es geht. Das merken nicht nur Berater*innen – in Gründungsseminaren spüren Teilnehmer*innen relativ schnell „Knackpunkte“ auf, die noch zu bearbeiten sind.

Erkennbar ist das Selbstbewußtsein, mit dem jemand seine Geschäftsidee vortragen kann. Dieses Selbstbewußtsein kann Ausdruck großer innerer Klarheit und persönlichen Standings sein – dann stimmt es, dass daran ablesbar ist, dass jemand vermutlich seinen Weg gehen wird. Oder es ist Schaumschlägerei und jemand kann sich und etwas gut verkaufen, auch wenn es noch nicht besonders fundiert ist.

Die Frage ist, ob Unsicherheiten und Ungereimtheiten, die bei jemandem spürbar sind, besagen, dass jemand „nicht das Zeug dazu hat“ oder ob dies einfach Ausdruck dessen ist, dass jemand noch nicht so weit ist und noch nicht alles klar hat.

Zeigen Frauen  Unsicherheiten, während Männer sie eher verstecken?

Übrigens ist dies auch genau der Punkt, an dem geschlechtsspezifische Unterschiede zum Tragen kommen – denn Frauen geben Unsicherheiten oft offen preis und erhoffen sich Unterstützung bei ihrer Bewältigung, viele Männer hingegen haben eher gelernt, diese Unsicherheiten hinter einem zur Schau gestellten Selbstbewußtsein zu verstecken.

Ohne Zweifel gibt es Menschen, die eine große Energie und großes Talent haben, „etwas zu unternehmen“. Es gibt Menschen, die smart und erfolgsgewohnt und sehr zielstrebig sind. Andere kämpfen mit Unsicherheiten und brauchen eine Weile, bis sie klar haben, welchen Weg sie gehen wollen.

Von außen – das ist meine Erfahrung – ist das Ungereimte, nicht Stimmige zu erkennen, aber nicht, ob sich das durch persönliches Wachstum und sachliche Klärungen verändern wird. Man muss den Prozessen ihre Zeit lassen und Menschen dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden. Dann finden sie selbst heraus, ob es für sie das Richtige ist, sich selbständig zu machen – oder ob sie sich als Angestellte wohler fühlen.

P.S. Zu diesem Thema gibt es viel zu sagen – daher gibt es bald Teil 2

1 Kommentare

  1. Ja, genau so ist es. Ich habe früher immer gesagt: Selbständigkeit? Niemals. Und dann habe ich mich auf den Weg gemacht, mir Unterstützung geholt, die Hindernisse aus dem Weg geräumt, mich all den Ungereimtheiten gestellt. Und bin nun genau dort angekommen, wo ich sein möchte: in der Selbständigkeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.